Der Himmel in Kakanien

Komödie für 7 Mitwirkende

Seit fast zweitausend Jahren schon leitet Petrus das himmlische Einwanderungsamt. Im Verlauf dieser langen Zeit haben sich die Arbeitsbedingungen da allerdings wesentlich verschlechtert. Keine Rede mehr von einer sechs Tage Woche, keine Rede mehr von einer geregelten Dienstzeit. Der Chef von Petrus, nennen wir ihn einfach so, verlangt immer mehr von seinen Mitarbeitern und erlässt immer strengere Vorschriften zum Erlangen der paradiesischen Seligkeit. Schon am Morgen, als Petrus sein Büro betritt, warten zwei neue Einwanderungswillige auf ihn. Sie kommen aus einem kleinen, merkwürdigen Land namens Kakanien. Einer der Beiden war ein führender politischer Funktionär in Kakanien, der andere ein berufsmäßiger Einbrecher. Der ehemalige Politiker mokiert sich über die Anwesenheit des ehemaligen Einbrechers. Dieser gehöre, so meint er jedenfalls, doch zumindest ins Läuterungsfeuer. So einer wie „Dieser“ hätte doch überhaupt keine Chancen verdient. So was hat Petrus in seinem Büro noch nie gehört. Belustigt und verwundert hört er zu und gibt letztendlich Beiden das Visum zur Einwanderung in den Himmel. Denn: „... wer auf Erden unter solchen Politikern leben hat müssen, hat auf jeden Fall den Himmel verdient...“ Unter Hallelujaklängen gehen die Beiden glücklich ins Paradies ein. Petrus denkt nach: was geht in Kakanien vor? Welche Menschen leben dort? Kurzerhand beschließt er, zwei Schutzengel-Lehrlinge nach Kakanien zu senden. Er will den Chef besser über Kakanien informieren. Seine Wahl fällt auf eine gewisse Maria Theresia und einen gewissen Johann Strauss. Wenn die Zwei ihm einen „... ordentlichen Bericht bringen, dann ist das euer Gesellenstück! Dann seid Ihr richtige Schutzengel ...“! Maria Theresia und Johann Strauss fliegen also in Richtung Kakanien...

Die Winde waren ungünstig. Statt direkt in Kakanien sind die beiden Engel vor der kakanischen Grenze gelandet. Am Grenzbalken versieht die Beamtin Ricky Staplerin Dienst. Sie bemüht sich nach besten Kräften, die Einreisevorschriften des kakanischen Innenministeriums nicht nur penibel einzuhalten, sondern zu übertreffen. Sie lässt einfach Niemand über die Grenze. Ihr Motto heißt: „...Kakanien ausländerfrei...“ Entsprechend schwer haben es daher auch die beiden Engel, ohne Papiere, ohne Visum und ohne Geld, die kakanische Grenze zu passieren. Mit einem himmlischen Trick schaffen es die Beiden doch! Sie sind in Kakanien!

Eine sonderbare Dame stellt sich genauer vor. Sie ist die „Ignoranz“ – die kakanische Seele. Sie blüht in Zeiten wie diesen richtig auf. Je mehr Ignoranz praktiziert wird, desto jünger wird die personifizierte Ignoranz. Natürlich hat sie auch immer einen ignoranten Erste-Hilfe-Kasten dabei. Damit manipuliert sie die Träume der Kakanier und besonders die der kakanischen Politiker. Sie zeigt diesen Notfallkasten her. Merkwürdige Dinge sind da drinnen: ein Gamsbart, ein Stempelkissen, eine Injektionsnadel mit Insektenvertilgungsmittel und einiges mehr. Gerne - so behauptet sie - gewähren die Kakanier Angehörigen bedrohter Völker Gastfreundschaft. Allerdings müssen diese bereit sein, für ihren Lebensunterhalt Entsprechendes beizutragen. So lernen Maria Theresia und Johann Strauss das Romamädchen Sylvana kennen, die sich als Straßenkehrerin nützlich machen muß. Man macht sich gegenseitig bekannt. Mitten im schönsten Gespräch erscheint die Ignoranz. Rüde weist sie Sylvana an, weiter zu arbeiten, da ihr sonst die sofortige Rückführung droht. Bestürzt über den Umgangston der Ignoranz mischen sich Maria Theresia und Johann Strauss ein. Von der Ignoranz erfahren sie so Einiges über das Leben in Kakanien und die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in Kakanien. Vieles von dem, was die Ignoranz so erzählt, ist für die Engel unverständlich und nicht zu begreifen. Ob man in Kakanien wohl fremdenfeindlich ist? Die Ignoranz versichert den Engeln, daß dies absolut nicht der Fall sei. Im Gegenteil: man liebe alle Fremden, besonders die im Fremdenverkehr, wenn sie ihr Geld in Kakanien ausgeben!

Maria Theresia und Johann Strauss sind in der Hauptstadt Kakaniens angekommen. Vor dem kakanischen Diskussionshaus wartet ein Reporter auf den Diskutanten Blunzenstrudel. Dieser hat vor einigen Minuten eine sehr aufsehenerregende Rede zur kakanischen Vergangenheitsbewältigung gehalten. Blunzenstrudel erscheint. Die Fragen des Reporters beantwortet er mit Abkürzungen, die er anschließend erklärt. (SD = super draufbleiben, SA = sehr angenehm, KDF = können S’ dem folgen, etc. etc.) Blunzenstrudels Antworten werden von der Ignoranz lauthals bejubelt. Dieses und Blunzenstrudels Antworten bringen einen unauffälligen Zuschauer dazu, sich voll hinter die politische Richtung Blunzenstrudels zu stellen. Der Reporter dem dabei schlecht geworden ist, geht, sich erbrechend, ab. Die beiden Engel sind entsetzt.

Der kakanische Beamte Gottfried Schmierer, zuständig für die Vergabe sozialer Unterkünfte, erhält einen Anruf von seinem Chef. Eine kakanische Wochenzeitung hätte einen Bericht veröffentlicht, dass es bei der sozialen Wohnungsvergabe häufig zu Unregelmäßigkeiten käme. Schmierer nähme dafür Schmiergeld! Natürlich bestreitet dieser die Vorwürfe ganz energisch. Schmierer wundert sich, woher diese „Gerüchte“ kommen. Maria Theresia und Johann Strauss werden bei ihm vorstellig. Sie brauchen eine Wohnung; eine leistbare! Gegen einen gewissen Betrag könne er sehr wohl rasch helfen, erklärt ihnen Schmierer. Maria Theresia ist empört. Ihr Hinweis, das wären bei ihnen, den Engeln, eben “andere Umständ”, nimmt Schmierer zum Anlass, noch mehr „Schmierergeld“ von ihnen zu fordern. Denn wenn: „... das andere Umständ’ sind, dann muss das ja schneller gehen...“. Maria Theresia und Johann Strauss lehnen aber Schmiergelder kategorisch ab. In diesem Fall, so wird ihnen von Schmierer erklärt, könne er da am Amt leider nicht helfen. Allerdings habe er noch einen Zweitberuf. Schmierer ist auch Mitarbeiter beim privaten Wohnungsvermittler „Geier & Co“. Da könne er vielleicht was tun...

Auch am privaten Sektor hat Herr Schmierer keine menschenwürdige, leistbare Wohnung anzubieten. Die von ihm den Engeln angebotene Unterkunft ist Substandard und außerdem viel zu teuer. Maria Theresias Hinweis, sie habe früher in einem Schloss gewohnt, lässt Schmierer vermuten, dass Maria Theresia und ihr „Hawara“ delogiert wurden, weil sie eben in diesem Schloss die Miete nicht pünktlich bezahlten. Auf Maria Theresias Hinweis: „... ein gewisser Jesus hat die Händler aus dem Tempel getrieben...“, reagiert Schmierer ebenso stupid wie vorher: „ ... na und? Wahrscheinlich haben die dort auch keinen Zins bezahlt...“. Ergebnis- und wohnungslos verlassen Maria Theresia und Strauss das Maklerbüro. Sie bleiben Unterstandslose. Schmierer agiert ignorant weiter.

Unterstandslose halten sich in Parks auf. So geht es Maria Theresia und Johann Strauss. Sie ziehen auf einer Parkbank eine Zwischenbilanz für ihren Bericht an Petrus. Bisher haben sie allerdings nicht viel Positives zu berichten. Aufgeben wollen sie aber nicht, noch nicht! „Sie hätten doch eine Aufgabe zu erfüllen“, meint Maria Theresia sehr resolut zu Strauss. Dieser bestärkt sie mit dem Hinweis, dass der „... Chef oben, jetzt schon wieder mehr auf den St. Marx hören würde...“. Maria Theresia und Strauss beschließen den Kakaniern noch eine Chance zu geben, bevor sie ihren Bericht abschließen. Sie wollen aufs kakanische Unterstützungsamt.

Am kakanischen Unterstützungsamt agiert die Beamtin Martina Fröstl. Vom Off hört man bereits den Chor der wartenden Parteien: „Immer kommen und betteln, das hat Niemand gern...“! Martina Fröstl sieht einen harten Tag auf sich zukommen. Maria Theresia und Strauss treten ein. Eigentlich ist es aus Datenschutzgründen nicht gestattet, wenn zwei Klienten auf einmal vorsprechen. Doch der Fröstl ist das egal: „... gleich zu Zweit? Ist mir auch recht. Dann geht ‚s schneller...“ Sie fragt gar nicht, was die Beiden von ihr wollen, sondern verlangt von den Engeln zuerst einmal die zur Antragsbearbeitung nötigen Papiere. Maria Theresia und Strauss haben keine. Die Fröstl hält sie für Ausländer „... du nix haben Papier? Du nix haben Fingerprintkarte? Dann ich nix machen...“ Auf den Hinweis von Strauss, sie kämen von „oben“ vermutet die Fröstl, die Beiden hätten sich im vierten Stock falsch angestellt. Strauss wird deutlicher, sie kämen vom „Himmel“. Diesen Begriff verbindet die Fröstl mit einer Strasse in einem Weinort. Einen anderen Himmel kennt sie nicht. „... Wie kann man denn in Kakanien leben? ...“, fragt Maria Theresia: „... ohne Arbeit, ohne Wohnung und ohne Geld? ...“. Ungerührt erklärt ihr die Fröstl, dass solche Typen da überhaupt nicht leben können und möglichst schnell abgeschoben werden. Ergebnislos verlassen die Engel das Unterstützungsamt.

Auf der Parkbank arbeiten Maria Theresia und Strauss an ihrem Abschlussbericht. Dieser wird nicht sehr positiv für die Kakanier ausfallen. Die Ignoranz mischt sich ein und erklärt stolz, sie wäre nun wieder jünger geworden. Sie erlebe eine wahre ignorante Hochkultur. Eine Lösung zur Verbesserung der kakanischen Lage, so glauben Maria Theresia und Strauss könnte nur darin bestehen, dass die kakanischen Funktionäre, die für die ignoranten Zustände verantwortlich sind, einfach weg sollten. Wohin? Zu der Melodie von „Marmor, Stein und Eisen bricht“ werden diesbezügliche Möglichkeiten überlegt. Der Bericht geht an Petrus. Strauss und Maria Theresia wollen – als ihre letzte Mission – noch an einer Ordensverleihung teilnehmen.

Der eitle Oberpriester Schönbrunn ist mit den Auszuzeichnenden im Audienzraum des Premierministers. Die Wartezeit bis zum Erscheinen des Premiers nützt Schönbrunn für eine ausführliche Selbstdarstellung seiner Person und seiner Verdienste. Er geht mit seiner Bigotterie den Anwesenden ziemlich auf die Nerven. Das traut sich ihm aber Keiner sagen, da Schönbrunn eine sehr einflussreiche Persönlichkeit in Kakanien ist. Und mit einer solchen will es sich eben niemand verscherzen. Nur Johann Strauss und Maria Theresia stellen sich Schönbrunn entgegen. Dieser ist Widerspruch nicht gewöhnt und beschuldigt die Beiden, sie wären Ketzer. Schönbrunn bedauert, dass die Inquisition in Kakanien schon lang  abgeschafft wurde, denn sonst würde er...! Der Auftritt des Premiers beendet die Auseinandersetzung. Schönbrunn scharwenzelt sofort um ihn herum. Die Ordensverleihung beginnt. Schönbrunn stellt die Gäste des Premiers vor. So treffen wir wieder auf alle handelnden Personen der vorigen Bilder (die Staplerin, den Schmierer, die Fröstl). Einstweilen noch unsichtbar ist auch die Ignoranz dabei. Fassungslos beobachten die Engel die Szene der gegenseitigen Lobhudelei und Beweihräucherung. Mit einem gewaltigen Donnerschlag erscheint plötzlich ein würdiger alter Herr – es ist Petrus, freudig begrüßt von den Engeln! Petrus konfrontiert die Anwesenden mit dem Bericht von Maria Theresia und Johann Strauss. Die Szene eskaliert. Der Premier weist alle Vorwürfe entrüstet zurück. Schönbrunn bezweifelt die Autorität des Petrus und insbesondere seine himmlische Herkunft. Er will mit Genehmigung des Premiers den Petrus aus der kirchlichen Gemeinschaft ausschließen. Petrus erklärt dem Schönbrunn, dass er, Petrus, im Auftrag Gottes handle. Daraufhin schließt Schönbrunn kurzerhand auch Gott aus der kirchlichen Gemeinschaft aus. Sieger bleibt die Ignoranz: „Endlich! Ich hab es erreicht! Kakanien ist ganz von Gott verlassen!“