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Leseprobe

Die kaiserliche Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburger war auch im 17. Jahrhundert bereits ein kulturelles und politisches Zentrum Europas.

Auf Grund seiner günstigen Lage prosperierte die Stadt auch in wirtschaftlicher Hinsicht und zahlreiche Güter und Waren wurden über Wien umgeschlagen oder angeboten.

Der Kaiserhof war wie der Kaiser selbst vom katholischen Geist geprägt. Insbesondere nach dem Dreißigjährigen Krieg und der ständigen Bedrohung durch die Osmanen sahen sich die Habsburger als Bewahrer und Beschützer des Katholizismus. Die hohe (katholische) Geistlichkeit der Stadt übte einen starken Einfluss auf den Kaiser und seine Entscheidungen aus.

Die einfachen Bewohner Wiens hingegen ließen mehrheitlich – so wie auch in unseren Tagen – den lieben Gott einen guten Mann sein und gaben sich lieber den weltlichen Genüssen hin.

Diese bestanden in der Hauptsache in meist übermäßigen Alkoholkonsum und häufigen Besuchen in einem der zahlreichen Bordelle außerhalb der Stadt. Durchaus in Ordnung fand man es auch, dass die jüdische Bevölkerung Wiens ohne besondere Erlaubnis (die schwer zu bekommen war) die Innenstadt nicht betreten durften. Die Juden lebten im Viertel >Im Werd[i]< in einer Art Ghetto.

Obwohl schon seit 1560 eine >geheime Keuschheitskommission> gab, die die Sittlichkeit in der Stadt überwachen sollte und die >unzüchtigen Weibspersonen< zunehmend geächtet wurden, war der Erfolg dieser Kommission nicht gegeben.

Ja, manche dieser vorgeblichen Sittenwächter waren sogar die besten Kunden der Hübschlerinnen. Auf Betreiben der Kirche allerdings drohten den Dirnen und auch ihren Kunden strenge Strafen – bis hin zur Todesstrafe. Doch schon damals galt der Grundsatz >wo kein Kläger, da auch kein Richter<. Auch dieser Spruch hat sich in Wien bis in unsere Zeit erhalten.

So gab es am Spittelberg[ii], hinter der Stadtmauer gelegen, etwa 60 Spelunken, in denen >venuserfahrene Frauen< ihre Dienste anboten. Natürlich lagen die hygienischen Zustände damals im Argen, von Verhütung oder <Safer Sex< ganz zu schweigen. So dachte man damals, sich vor der Syphilis schützen zu können, indem sich die Freier ihr bestes Stück mit einer Schweineschwarte einrieben. (Daher kommt der alte Wiener Ausdruck >schwartln< der lange Zeit im Wienerischen auch als ein Synonym für Onanieren galt).

Man wusste auch gerüchteweise davon, dass es bei den Juden auch schon mehrere Fälle von Pestilenz gegeben haben sollte, jedoch scherte sich niemand ernsthaft darum. Man hielt die Pest bei den Juden für die Strafe Gottes und war sich sicher, dass die Krankheit nicht in die Stadt übergreifen würde.

Das Rättle

 „S’Moritzle ist mir abg’haut. Ich muss es finden“, so jammerte der kleine Junge, er schien so um die acht Jahre zu sein, den Rumorwächter[iii] an, der ihn knapp unterhalb der alten Kirche angehalten hatte. Sein Käppi und die herabhängenden Löckchen auf den Seiten seines Köpfchens kennzeichneten ihn unzweifelhaft als Kind jüdischer Eltern. Also hatte er da Nichts verloren.

„Wer ist dir abg’haut und wie bist denn überhaupt daher kommen“? Der Mann von der Rumorwache sah strenger aus, als er in Wirklichkeit war. Er kapierte es ohnehin nicht, dass die Juden, weil ihre Vorgänger den Jesus hinrichten ließen, in der Stadt dermaßen ausgegrenzt wurden. Aber das war nicht sein Bier, dachte er sich. Die hohen Herren würden es schon wissen, was falsch oder richtig ist.

„S‘Moritzle ist mei Rättle“, erklärte der Junge. „‘s könnt‘ sich verrennen und findet dann nimmer z’Haus. Da bin i halt daher g ‘rennt. Vielleicht ist er ja da, in der Stadt?“

Der Rumorwächter konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Er imponierte ihm ja insgeheim, der kleine jüdische Frechdachs. Sich so ungeniert über gültige Verordnungen hinwegzusetzen? Doch das durfte und konnte er einfach nicht tolerieren. Wenn das sein Obrist erfahren sollte, dann hätte er den Buckel voll mit Schwierigkeiten. Und das war ihm der kleine Judenbengel ganz sicher nicht wert.

Also wurde er amtlich: „Jetzt schau aber schnell, dass du wieder zurück kommst. Dort gehörst hin. Nicht daher! Und deinen Ratzen findest da sicher nicht mehr. Der hat sich schon längst den anderen Viechern angeschlossen und scheißt auf dich. Marsch, marsch! Schleich dich. Renn nach Haus, in dein Grätzel“

Tränen traten in die Augen des Jungen. Verzweifelt blickte er auf den Wächter: „Meinst es wirklich, gestrenger Herr Rumorer?“

Der Rumorwächter Matthias Kohlbrandner nickte nur. Der Junge drehte sich daraufhin wortlos um und verschwand im Dunkel des Abends. Kohlbrandner beschloss für sich den Vorfall zu vergessen und darüber nicht Bericht zu erstatten. „So eine Rotzpipen“, dachte er noch bei sich. „Einen Ratzen suchen. Sind doch genug da. Da kommt es auf einen mehr oder weniger gar nicht an.“

In der Tat. Die Ratten waren überall. In den finsteren Kellern, auf den Dachböden, in den Wohnräumen und vorwiegend in den Speisekammern. Ratten gehörten zum Stadtbild ebenso wie die vornehmen Bürger, ihre Frauen und die prunkvollen Kutschen, mit denen sie in die Vorstädte auf Sommerfrische fuhren. Die leichten Mädchen, die Soldaten der Rumorwache und ihre Offiziere, aber auch ganz arme Menschen, die auf die Almosen der Bessergestellten angewiesen waren.

Die größte Population in der Stadt aber waren die Ratten. Kein Wunder. Offerierte doch die Stadt den ungeliebten Mitbewohnern einen reichhaltigen und immer gut sortierten Speisezettel. Die Reste der Nahrungsmittel, die nicht gegessen wurden samt allem möglichen anderen Unrat, kippte man einfach auf die Straße und hoffte dann darauf, dass ein starker Regen sie einfach wegspülte. In einen der zahlreichen Bäche, die die Stadt durchflossen. Regnete es mal nicht, dann stank es eben noch mehr als sonst. Ernsthaft störte das aber niemand. Es stank in allen Städten Europas. Mal mehr und mal weniger. Daran war man gewöhnt. Die Gassenjungen hatten ihr größtes Vergnügen daran, die Ratten zu jagen und zu töten. Aber so viele konnten sie gar nicht erwischen, dass es irgendwem aufgefallen wäre. Eher hatte man den Eindruck, die Viecher wurden immer mehr.

Die ehrwürdige freie Reichs- und Residenzstadt Wien umfasste zur Mitte des 17. Jahrhunderts im zentralen Kern den heutigen 1. Bezirk – die Wiener nennen ihn immer noch die Innere Stadt - und die Vorstädte. Etwa 65.000 Menschen – die Vorstädte mit eingeschlossen – bewohnten dieses Gebiet. Dazu hunderttausende Ratten.

Der Rumorwächter Matthias Kohlbrandner sah wohl die Ratten, bemerkte aber nicht die Flöhe – viele waren es nicht – die vom Käppi des Jungen auf ihn übersiedelt waren.

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