LESEPROBE

Dicht gedrängt standen sie auf beiden Seiten entlang der via Dolorosa, der schmalen Gasse in Jerusalem, die von der Burg Antonia hin zur Hinrichtungsstätte der Stadt führte. Kleinere Kinder saßen auf den Schultern ihrer meist bärtigen Väter, die ihnen das Vergnügen des Zusehens nicht vorenthalten wollten. Einige größere Kinder hüpften wie eine ungezähmte Horde Affen herum, schrien und schnitten dabei gräuliche Grimassen. Hinter den Männern standen die Frauen der Stadt mit teilweise verhüllten Gesichtern. Man konnte nicht erkennen, ob Trauer oder Freude in ihren Gesichtern vorherrschte. Einige wischten sich verstohlen über ihre Augen. Ein Hauch von Aufregung lag in der Luft. Es war schon sommerlich warm. Der Geruch der vielen ungewaschenen Menschen vereinte sich mit dem Duft nach Müll, Ziegen und Knoblauch zu einer gerade nicht angenehmen Komposition. Aber das störte ernsthaft niemanden. Diese Symphonie an Gerüchen waren die Einwohner der Tausende Jahre alten Stadt gewöhnt. So roch es hier immer.

Mehrere Kaufleute, die ein sattes Geschäft witterten, hatten sich mit kleinen Speisen und Erfrischungen in mehreren Hausnischen platziert und freuten sich über gute Geschäfte. Man aß und trank und wartete neugierig, auf das was kommen würde. Obwohl der Anlass dafür ein äußerst makabrer war. Taschendiebe hatten an einem Tag wie diesen auch ihre Hochsaison. Sie schlichen mit katzengewandten Bewegungen hinter den gaffenden Menschen herum und hofften, dem einen oder anderen mit einem unauffälligen raschen Schnitt der Börse zu berauben, die die Meisten an einem umgeschnallten Riemen um die Hüfte trugen. Ein Stück weiter vorne hatte man gerade einen davon erwischt. Ein beleibter Mann, dem Anschein nach ein Syrer, hatte mit beiden Händen ein schmächtiges Bürschen gepackt. Er brüllte voll Entrüstung herum, dass er diesen kleinen Hundesohn gerade erwischt hätte, als er ihm die Börse abschneiden wollte. Der Dieb war jung, fast noch ein Kind. Er zählte höchstens zwölf oder dreizehn Jahre und zitterte vor Angst. Was würde nun mit ihm geschehen? Taschendieben, wenn sie erwischt wurden, drohte zumindest der Verlust der rechten Hand. Schlimmstenfalls aber auch eine schmerzvolle Hinrichtung. Mehrere Leute versuchten den brüllenden Syrer zu beruhigen. Immerhin wäre doch nichts geschehen. Man solle ihn nur ordentlich verprügeln. Der Junge würde die Lektion daraus schon noch beherzigen. Dem Syrer schien das zu gefallen. Er hieb dem Dieb mit seiner gewaltigen Faust mehrere Male auf den Kopf, nahm ihn dann wie einen Sack Getreide hoch und warf ihn hochkant auf die gesperrte Gasse, wo der Junge bewegungslos liegen blieb.

Die Straße war von Soldaten gesichert, die mit quer gehaltenen Lanzen verhindern sollten, dass irgendwer den zum Tod Verurteilten zu befreien versuchte oder ihm vielleicht auf eine andere Weise zu Hilfe kam. Aber wie es aussah, hatte ohnehin niemand diese Absicht. Die Leute waren hergekommen, um ein Schauspiel der besonderen Art zu erleben. Es geschah immerhin nicht alle Tage, dass einem verurteilten Staatsfeind und Gotteslästerer die härteste und grausamste Strafe ereilte, die das römische Recht in dieser Provinz zu bieten hatte. Es waren meist einfache Menschen. Tagelöhner, Händler und Handwerker, die sich für Schauspiele wie dieses begeisterten.

„Er war ohnehin nur ein nichtsnutziger Tagedieb, Verführer und Blender“, sagte ein älterer Mann zu seinem Nachbarn und spuckte dabei den Kern einer Olive gezielt auf den Jungen, der immer noch bewegungslos auf der Straße lag. „Er hat nicht gearbeitet wie andere, sondern dem Herrn nur den Tag gestohlen.“ Der Angesprochene zuckte bloß mit den Schultern. Er hatte anscheinend keinerlei Lust, mit dem neben ihm Stehenden zu reden. „Vielleicht wäre es ihm aber doch gelungen, uns die Freiheit zu bringen und von den Römern zu befreien? Er hätte wahrscheinlich mehr Hilfe und Unterstützung gebraucht. Wir hätten alle mehr hinter ihm stehen und seiner Botschaft Glauben schenken sollen“, mischte sich ein Dritter flüsternd ein. Er hatte die Kapuze seiner Paenula tief ins Gesicht gezogen. Anscheinend wollte er nicht erkannt oder gesehen werden. Er flüsterte wohl auch deswegen, dass ihn keiner von den stumpfsinnig dreinblickenden Legionären hören konnte. Obwohl es ohnehin nicht sicher war, dass diese die im Land gebräuchliche westaramäische Sprache verstünden. „Bist du meschugga?“, fuhr ihn der Ältere an. „Was hätten wir wohl ausrichten können? Schau dich doch um. Die ganze Welt ist Rom und seinem Kaiser untertan. Warum wohl, ha? Weil sie unbesiegbar sind. Sie hätten uns alle bloß abgeschlachtet. Wie wir unsere Lämmer und Hühner!“ Ein plötzlicher Windstoß lüftete kurz die Kapuze der Paenula. Der Mann zog sie schnell wieder zurück, aber der Ältere konnte trotzdem ganz kurz in das Gesicht des Flüsterers blicken. Von irgendwo kam ihm das bärtige Antlitz bekannt vor. Er wusste aber nicht woher. Außerdem irritierten ihn die strahlend blauen Augen des Flüsterers, die er bis in seine Seele hinein spürte. „Wahrscheinlich hast du recht“, gab der Flüsterer zu. „Aber wir hätten doch –„.

Einer der Legionäre drehte sich zu ihm um. Anscheinend hatte er etwas gehört und auch verstanden. „Es lebe der Kaiser“, rief der Kapuzenmann schnell aus und zog sich anschließend gleich in den Hintergrund der Masse zurück. Der Legionär nickte, grinste dabei und drehte sich wieder hin zur Straße. Aus der Ferne schwoll der Lärm nun an. Der Verurteilte schwankte daher. Mit ihm das Exekutionskommando, angeführt von einem Zenturio. Gemäß der herrschenden Vorschrift wurde der Verurteilte gezwungen, das Patibulum bis zur Kreuzigungsstelle hin selbst zu tragen. Schwer hing sein Kopf hinab, die langen, blutverkrusteten Haare verdeckten fast sein ganzes und immer noch jugendliches und gar nicht unhübsches Gesicht. Jetzt war es aber total zerstört. Sein ganzer Körper, bis auf einen Lendenschurz nackt, zeigte die Spuren zahlreicher Wunden. Es entsprach dem Brauch der Zeit, dass Angeklagte nach ihrer Verurteilung noch heftig gegeißelt wurden. Sozusagen als Vorgeschmack auf die noch zukommende Strafe. An diesen Geißeln, Flagrum genannt, waren Lederriemen von unterschiedlicher Länge befestigt. Scharfzackige Knochen und Bleistücke waren darin eingewebt. Mit diesem Gerät hatte man Schulter, Rücken und Beine des Verurteilten solange misshandelt, bis seine Haut in langen Streifen herabhing und der ganze Körper zu einer unkenntlichen Masse von aufgerissenem, blutigem Einerlei wurde. Trotz dieser unfassbaren Marter wurde er von den Meisten noch verhöhnt, angespuckt und auch mit Unrat beworfen. Einmal schaffte er es den Kopf zu heben und sandte aus blutunterlaufenen Augen Hilfe suchende Blicke zur Masse derer, die sich an seinem Elend begeilten.

Dann stolperte er und fiel. Er schaffte es nicht, trotz der wütenden Peitschenhiebe des Zenturios, wieder aufzustehen. Anscheinend wollte er irgendetwas sagen. Aber aus seinem Mund drang nur unartikuliertes Krächzen. Er hatte keine Zunge mehr! Sie hatten ihm diese wahrscheinlich herausgerissen oder er hatte sie sich selber abgebissen? Wen interessierte das schon? Seine Krächzer bot den Straßenjungen nur noch mehr Anlass, ihn zu verhöhnen. Der Marsch ging mühselig aber trotzdem weiter. Der Zenturio trat den immer noch auf der Straße liegenden Jungen einfach solange, bis sich dieser wieder rührte. Dann zwang er ihn dazu, dem Verurteilten zu helfen. So schleppten sie nun das Patibulum zu zweien. Mühselig und schwankend erreichten sie so den Ort der Schädel, Golgota, die Hinrichtungsstätte und auch die Endstation des Delinquenten. Auch da harrten zahlreiche Neugierige. Es waren die Frühaufsteher, die schon mit dem Sonnenaufgang hier hergekommen waren und auf das kommende Spektakel warteten. Sie hatten sich so die besten Plätze gesichert. Auch einige Vertreter der Priesterschaft hatten sich eingefunden. Sie wollten sich wohl davon überzeugen, dass der lästige Aufrührer wirklich zu Tode kommen würde. Insgesamt war auch hier eine Art Volksfeststimmung zu spüren, mehr noch als bei den Zusehern auf der via Dolorosa.

Ganz vorne, nahe dem Platz, auf dem das Kreuz aufgestellt werden sollte, standen einige Frauen. Es waren dies die Frau des Verurteilten, seine Mutter und einige ihrer Freundinnen. Wer nun erwartet hatte, bei den Frauen Trauer und Schmerz miterleben zu dürfen - schon immer ein besonderes Erlebnis für diejenigen, die sich über so was freuten - der irrte. Die Frauen waren seltsam gefasst. Sie wirkten eigentlich ziemlich gleichmütig. So, als ob sie dieses schreckliche Ereignis nicht sonderlich berührte. Das war für alle die, die sie kannten nicht begreiflich. Jetzt erschien der Zug der Legionäre mit dem Zenturio an der Spitze und dem Verurteilten in der Mitte. Der Knabe, den sie zur Hilfe eingeteilt hatten, war auch noch dabei. Das Patibulum wurde auf den Boden gelegt. Der Knabe erhielt von einem der Legionäre als Dank für seine Hilfe einen ordentlichen Tritt in den Hintern und rannte dann so schnell weg, wie ihn seine Beine trugen. Er war froh, so glimpflich davongekommen zu sein. Jetzt warfen sie den Todgeweihten schnell und brutal mit den Schultern auf das Holz. Es war für den armen Menschen trotzdem fast wie eine Erleichterung. Ein Legionär trieb ungeachtet seines schmerzerfüllten Krächzens zwei schwere, schmiedeeiserne Nägel durch seine Handgelenke, tief in das Holz. Dann hoben sie das Kreuz an seinen Platz. Der linke Fuß wurde jetzt rückwärts gegen den rechten gedrückt, beide Füße nach unten gestreckt und durch jede Fußkuppe ein Nagel geschlagen, sodass die Knie noch ein wenig gebeugt blieben. Das Opfer war jetzt vorschriftsgemäß gekreuzigt. Tränen rannten aus seinen Augen, die krächzenden Schmerzenslaute wurden leiser und leiser. Einer der Legionäre stach ihn noch dazu, wie es der Vorschrift entsprach, seine Lanze in die Rippen. Wie ein kleiner Bach strömte das Blut aus ihm heraus.

Die Legionäre setzten sich nun rundum und begannen zu würfeln. Sie warteten nur mehr auf seinen Tod. So war es Vorschrift. Die Frauen waren zum Kreuz hingetreten und beobachteten mit unglaublich stoischer Ruhe den Mann, der am Kreuz gerade sein Leben verlor. Ein plötzlich aufkommender starker Regen vertrieb rasch die meisten der Zuseher. Die Legionäre, die noch warten mussten, bis der Gekreuzigte wirklich tot war, blickten ärgerlich hinauf zum Himmel und verwünschten wohl den, der den Regen sandte. Bald darauf hin der Kopf des Gekreuzigten hing schwer hinab und seine geöffneten starren Augen zeigten an, dass er endlich sein unseliges Leben beendet hatte. Es sollte dies einer der Tage sein, der die Welt verändern würde. Aber wer hätte das damals ahnen können?

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