Den Gesamtkatalog unserer 

Titel präsentieren wir gerne 

und mit vielen Informationen 

auf unserem Video. Dieser 

Klick lohnt sich auf jeden Fall!

HIER KLICKEN!

Leseprobe

Das Haus, eigentlich mehr eine Kate, stand am Rand des Waldes. Außer dem etwas abgefuckten Aussehen wies die Hütte keinerlei Besonderheiten auf. Eben ein altes Haus, wie sie zu Dutzenden - und meist unbewohnt - in dieser Gegend verrotteten Ein schmaler Pfad daneben führte hinauf zum sagenumwobenen Berg, den die meisten Einheimischen immer noch mieden.

Bewohnt war es seit einigen Jahren von drei alleinstehenden Frauen, die anscheinend keinen großen Wert auf Kontakte mit den anderen Dorfbewohnern legten. Waltraud Wagner, ihre Schwester Irene Wagner und einer gewissen Stefanija Leidolf. Alle schon in etwas fortgeschrittenen Alter und niemand wusste so recht, wovon und wie sie da lebten.

Eine etwas mollige Frau, sie trug trotz des Nebels große Sonnenbrillen, kam etwas keuchend heran, sah sich wie suchend um und klopfte dann energisch an die Tür.

Die öffnete sich knarrend. Eine grauhaarige große Frau in einem schlichten, dunklen Wollkleid mit stechendem Blick trat heraus. „Ah, da bist du ja. Sehr gut, wir können gleich essen. Ich bin die Waltraud.“ Ihr Ton war kühl und geschäftsmäßig.

„Zum Essen bin ich nicht gekommen, ich möchte …“

„Ja, wir wissen, weswegen du gekommen bist. Aber das gehört dazu“, unterbrach sie Waltraud. „Komm herein.“

Der Tisch war bereits für vier Personen und ein einfaches Mahl gedeckt: Brot, Käse und ein Krug mit irgendwas. Eine andere Frau stand wartend daneben. „Das ist meine Schwester Irene Wagner“.

Irene trug ein steifes schwarzes Kleid und sah aus wie eine Hintergrundfigur auf einem alten flämischen Gemälde. Sie nickte bloß.

Sie begannen zu essen. Waltraud erzählte in leichtem Plauderton von lokalen Ereignissen; wie eben eine freundliche ältere Frau vom Land, die sich nur um ihre allernächste Umgebung kümmert. Dann erschien die dritte Frau: Stefanija. Sie war in ein langes pfauenblaues Gewand gehüllt, das mit goldfarbenen Borten besetzt war. Zwei goldene Armreifen mit seltsamen Zeichen trug sie um ihre Handgelenke. Sie aß fast nichts, sprach wenig und hatte einen völlig abwesenden Blick. Als ob sie in höheren Sphären schwebte.

Sie beendeten die Mahlzeit.

„Kaffee gibt es nicht“, entschuldigte sich Irene. „Er bewirkt eine Stimulation, die nicht angebracht ist.“ Sie erhob sich. „Stefanija?“

„Ja“, flüsterte diese mit einem ekstatischen Gesichtsausdruck, der andeutete, dass sie weit, weit von dieser Welt entfernt war. „Ich muss mich vorbereiten…“

Irene Wagner begann den Tisch abzuräumen. Dann ging man über den Hof, hin zur Scheune. Die mittlerweile hereingebrochene Nacht war dunkel und sternenlos. Man musste beim Betreten des Raumes geblendet die Augen schließen. Am Tag sah die Scheune aus wie eine freundliche Bibliothek - jetzt aber wirkte sie ganz anders. Das Licht kam von einer indirekten Quelle und gab der Umgebung ein kaltes, bläuliches Aussehen.

In der Mitte erhob sich ein samtenes Lager auf einem niedrigen Podest, das mit kabbalistischen Zeichen verziert war. Am anderen Ende stand eine Art Feuerschale, daneben ein großes, anscheinend sehr altes Kupferbecken.

An der Wand nahe dem Eingang befand sich ein schwerer, hochlehniger Eichenstuhl. Irene bedeutete der Besucherin dort Platz zu nehmen. Ihre ganze Art hatte sich auf einmal verändert. Das Alltägliche war von ihr abgefallen, dahinter kam der zweite Mensch zum Vorschein.

Sie hatte etwas von einem Arzt an sich, der im Begriff steht, eine schwere und gefährliche Operation vorzunehmen. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt, als sie zu einem Wandkasten schritt und ein langes Übergewand hervorholte. Wenn das Licht darauf fiel, glitzerte es wie ein Gewebe von Metallfäden. Sie streifte lange Handschuhe über, die fast wie ein Kettenpanzer aussahen.

„Man muss Vorsichtsmaßnahmen ergreifen“, erklärte sie. Dann wandte sie sich mit nachdrücklicher, tiefer Stimme an die Besucherin. „Ich muss ihnen nahe legen sich ganz still zu verhalten und an ihrem Platz zu bleiben. Unter keinen Umständen dürfen sie sich von Ihrem Stuhl erheben. Das könnte gefährlich für sie werden. Wir machen hier keine Kinderspiele. Ich löse Kräfte aus, die für den Nichteingeweihten schädlich sein könnten.“ Sie machte eine kleine Pause und fuhr fort: „Frau Abendroth: haben sie mitgebracht, was man ihnen aufgetragen hat?“

Ohne ein Wort zu sagen, zog die Besucherin einen weichen braunen Lederhandschuh aus der Tasche und reichte ihn ihr.

Irene ging damit zu einer Tischlampe mit einem Metallschirm, knipste diese an und hielt den Handschuh unter den scharfen Lichtstrahl. Gleich darauf machte sie die Lampe wieder aus und nickte zufrieden.

„Sehr gut“, bemerkte sie dazu. „Die physischen Emanationen sind außergewöhnlich stark.“

Sie legte den Handschuh auf ein Gestell, das aussah wie ein großer Radioapparat. Dann rief sie mit erhobener Stimme: „Stefanija! Wir sind bereit.“

Stefanija erschien - ein theaterwürdiger Auftritt. Über ihr pfauenblaues Kleid hatte sie einen langen schwarzen Mantel geworfen, den sie mit dramatischer Geste fallen ließ, während sie näher trat.

“Ich hoffe, alles wird gut gehen“, wisperte sie. „Man kann nie ganz sicher sein. Bitte verhalten sie sich ruhig und spötteln sie nicht. Auch nicht innerlich. Das würde alles viel schwieriger, wenn nicht gar unmöglich machen.“ Sie streckte sich auf dem purpurnen Diwan aus und Irene ordnete ihr das Gewand.

„Liegst du bequem?“, erkundigte sich Waltraud besorgt.

„Ja, danke, meine Liebe. Sehr gut!“

Irene machte einige Lichter aus, dann rollte sie eine Art Baldachin auf Rädern herbei und stellte ihn so auf, dass er den Diwan beschattete und Stefanijas Gestalt in düsterem Halbdunkel ließ.

„Zu viel Licht beeinträchtigt die völlige Trance“, erklärte sie Frau Abendroth. „Nun ist alles vorbereitet.“

Irene nahm nun die linke und Waltraud Wagner die rechte Hand der Abendroth, worauf sie sich gegenseitig ebenfalls an den Händen fassten, sodass sie einen geschlossenen Kreis bildeten.

Plötzlich ertönten von der Decke herunter die gedämpften Klänge von Chopins Trauermarsch - Irene musste irgendwo den Kontakt zu einer Grammophonplatte ausgelöst haben.

Die Musik verstummte. Lange Zeit blieb alles still, nur Irene Wagners Keuchen und Stefanijas ruhige Atemzüge waren vernehmbar.

Auf einmal begann Stefanija zu sprechen, aber nicht in ihrer eigenen Art, sondern mit einer fremdartig tiefen, kehligen Männerstimme.

»Ich bin hier«, sagte die Stimme.

Frau Abendroth, die auf eine Situation wie diese, überhaupt nicht vorbereitet war, begann sich zu fürchten. Ihre Hände wurden losgelassen, Irene Wagner wandte sich zum Diwan hin und fragte: „Guten Abend! Bist du es, mächtiger Gallo[1]?“

„Ich bin Gallo, der machtvolle.“

Irene ging nun zum Diwan hinüber und schob den schützenden Baldachin beiseite. Das weiche Licht flutete über Stefanijas Gesicht. Sie schien fest und ruhig zu schlafen. Sie wirkte um Jahre jünger, beinahe schön.

„Willst du, mächtiger Gallo, meiner Bitte entsprechen?“.

„Ich bin gewillt deiner Bitte zu entsprechen!“

»Dann bewahre den Körper, den du jetzt bewohnst, vor Schmerz und Gram und unterwirf all seine Kräfte dem Ziel; auf dass dieses erreicht werde. -  Willst du das tun?“

„Ich will es.“

Irene griff nun mit der Hand hinter sich. Waltraud reichte ihr eine uralt aussehende kleine Figur, die einem stilisierten Hahn glich. Irene legte den Hahn auf Stefanijas entblößte linke Brust, ergriff eine kleine, grünlich schillernde Phiole und goss ein paar Tropfen davon auf Stefanijas Stirn und Brust. Sie trat dann einen Schritt zurück und rief mit lauter Stimme: „Alles ist vorbereitet!“

Waltraud erklärte der Abendroth: „Halte  das Ganze nicht für Schaumschlägerei. Dieses Ritual ist Jahrtausende alt. Es stammt von den Sumerern und übt immer noch einen starken Einfluss auf den menschlichen Geist aus. Was bedeuten denn Massenpsychose und Massenhysterie? Wir wissen es nicht; aber das Phänomen besteht. Alle diese alten Bräuche haben ihren Sinn und sind für gewisse Vorhaben notwendig.“

Die sensibilisierte Claudia Abendroth nickte ehrfürchtig.

Irene kehrte zurück, einen weißen Hahn in den Händen. Er kämpfte und zappelte, um sich zu befreien. Sie kniete vor der Feuerschale nieder, zeichnete mit Kreide Kreise und geheimnisvolle Zeichen um die Schale und den Kupferkessel herum. Dann setzte sie den Hahn mitten in den weißen Kreis hinein und er blieb regungslos dort stehen.

Während sie weitere Zeichen kritzelte, schwankte sie hin und her und sang mit leiser, gutturaler Stimme unverständliche Worte vor sich hin. Ganz offensichtlich steigerte sie sich in eine Art obszöner Ekstase hinein.

Waltraud bemerkte dazu sachlich: „Das gefällt dir vielleicht nicht? Verständlich! Aber es ist ein alter, sehr alter Brauch. Todesanrufungen! Von nur wenigen Eingeweihten auf ihre Nachkommen vererbt.“ Sie begnügte sich ganz bewusst mit der Rolle einer Kommentatorin.

Irene Wagner streckte nun ihre Hand nach der Feuerschale aus und eine flackernde Flamme schoss empor. Dann warf sie ein paar Körner hinein, worauf sogleich ein betäubend süßlicher Geruch den ganzen Raum erfüllte. „Wir sind bereit“, rief sie.

Dann griff sie nach dem mitgebrachten Handschuh und legte ihn sorgfältig in eine bestimmte Richtung; gleichzeitig knipste sie eine kleine violette Lampe an. Dann wandte sie sich der reglosen Gestalt auf dem Diwan zu: „Stefanija, du bist nun befreit von der körperlichen Hülle, die der mächtige Gallo für dich hütet. Du bist frei, um dich mit dem Eigner dieses Handschuhs zu vereinigen. Sein Ziel ist - wie das aller Sterblichen - der Tod. Nur im Tod ist Befriedigung, nur der Tod löst alle Probleme und gibt den wahren Frieden. Alle Großen dieser Erde haben das erkannt. Liebe und Tod sind unsere Triebfedern - aber der Tod ist stärker…“

Die Worte klangen hell und klar; auf einmal erfüllte grausiges Gelächter den ganzen Raum.

Weiterlesen?

Bestellung als E-Book oder Taschenbuch überall, wo es gute Bücher gibt.

Download als PDF (lesbar auf allen Geräten) direkt hier.