Leseprobe

Wütend knallte die 16jährige Melanie die Wohnungstür zu. Noch am Gang des großen Gemeindebaus dröhnte die keifende Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf. Melanie war wütender als wütend. Gerade heute, als sie sich mit einem Freund treffen sollte, den sie in einem der sozialen Netzwerke virtuell kennengelernt hatte, hatte ihr die Alte verboten, die Wohnung zu verlassen. Und warum? Bloß weil Melanie ihr kleines Zimmer nicht so aufgeräumt hatte, wie es sich die Alte vorstellte.

„Die soll mich in Ruhe lassen, dieses Monster! Für immer und ewig!“ dachte sie bei sich und stürmte zur Tür des Aufzuges, der sie vom 18. Stock zum Ausgang des Hauses bringen würde. Das Monster riss nochmals die Wohnungstür auf und brüllte ihr nach, dass sie noch was erleben würde, wenn sie nach Hause käme.

Die alte Dame, die in der Nebenwohnung logierte, öffnete neugierig ebenfalls ihre Türe. Das tat sie immer, wenn sie ungewöhnliche Geräusche am Gang hörte. „Ja ja, Frau Fellner, “ meinte sie verständnisvoll tuend zu Melanies Mutter „die jungen Leut‘ haben überhaupt keine Manieren und keine Moral mehr. Also, zu meiner Zeit.“ Sie beendete die Suada gleich wieder, als sie merkte, dass Frau Fellner überhaupt kein Interesse daran hatte, sich mit ihr auf ein Gespräch über die Sitten und die Moral junger Leute einzulassen.

Carla Fellner, Melanies Mutter, keifte sie nur an „Lassens mich in Ruh, “ und schmiss ihre Wohnungstür genauso geräuschvoll zu, wie vorher ihre Tochter. Enttäuscht schlurfte die alte Dame zurück und hockte sich wieder vor ihren Fernseher.

 „Woher sollen denn die Jungen Manieren nehmen, wenn ihre Mütter auch keine haben“, schüttelte sie empört mit dem Kopf und widmete sich wieder ihrer Lieblingssendung.

Carla Fellner hatte es in den letzten Jahren nicht gerade leicht gehabt. Die pubertierende Tochter, die prinzipiell gegen alles war, was die Mutter sagte, dazu kam noch ihre Scheidung vor einigen Jahren und ständige Geldsorgen. Der Exmann zahlte keinen Cent Unterhalt. Er sei arbeitslos und könne deswegen beim besten Willen nichts für seine Exfamilie aufbringen. Das zuständige Jugendamt konnte oder wollte mögliche Alimentationen nicht bevorschussen; die Tochter wäre groß genug um sich einen Job oder einen Ausbildungsplatz zu suchen und Carla Fellner könne das doch ebenfalls tun.

Nun, Carla hatte ja einen Halbtagsjob in einem Supermarkt, kam aber mit dem Verdienst nie über die Runden. Ihr Konto war hoffnungslos überzogen und jeden Tag erwartete sie das höfliche Schreiben ihrer Bank, mit dem gefürchteten Binnenbrief. „Bitte gleichen Sie ihr Konto binnen zwei Wochen aus. Ansonsten …“.

Kurzum, die Situation der kleinen Familie war keine besonders rosige. Doch hunderttausend Anderen ging es auch nicht viel besser. Melanie kümmerte sich darum nicht. Es war ihrer Meinung nach, doch die Aufgabe des Monsters für den gemeinsamen Lebensunterhalt und den Rest zu sorgen.

 Sie träumte von einer Karriere als Model und erwartete jeden Tag den Traumprinzen, der ihr diesen Weg ermöglichen würde.

Sie war nicht unhübsch, etwa 165 Zentimeter hoch und hatte um die 48 Kilo Lebendgewicht. Lange brünette Haare umrahmten ihr Gesicht und wenn sie sich im Spiegel betrachtete, fand sie Nichts an ihr, was besonders störend gewesen wäre.

Vor einigen Wochen hatte sie begonnen, Fotos von ihr ins Netz zu stellen, darunter auch zwei, die sie in einem sehr knappen Bikini zeigten, der fast nichts von ihrer Gestalt verbarg. Das Echo auf diese Bilder war groß.

Frischfleisch kommt eben immer gut an. Besonders bei älteren Herren, die ihr ganz unverblümt Einladungen und mehr schickten, die fragten, ob sie nicht auch „andere“ Fotos hätte und diese verkaufen wollte. Einige erkundigten sich auch ganz direkt, ob sie als Escort Girl buchbar wäre. Nein, das wollte sie denn nun doch nicht.

Eine der vielen Freundschaftsanfrage kam von einem sympathisch aussehenden jungen Mann, der sich Pjotr nannte. Er sei Student der Theaterwissenschaften schrieb er und habe in Wien wenige Freunde. Gerne würde er sie persönlich kennenlernen. Pjotr gefiel ihr. Also sandte sie ihm ihren Namen und ihre Adresse. Heute wollte er sie abholen; mit seinem roten Mofa. 

Warum musste ausgerechnet heute das Monster  so durchdrehen, dachte sie sich? Sie legte aber den trüben Gedanken gleich ab, als sie die rote Yamaha sah von der ihr Pjotr freudig zuwinkte. Sie rannte ganz undamenhaft zu ihm hin und erhielt gleich drei Begrüßungsküsse auf die Wangen. Er freue sich sehr, meinte Pjotr, mit einem so hübschen Mädchen zusammen sein zu dürfen.

Sogar an einen zweiten Helm hatte er gedacht, bewunderte ihn Melanie und stülpte sich diesen über. Dann fuhren sie los. In den Wiener Prater. Pjotr schlug vor, den Abend im „Praterdome“, der beliebten In-Disco zu beginnen.

Melanie fühlte sich wie im siebenten Himmel. Im Praterdome dröhnte fetziger Sound aus den zahlreichen Lautsprechern und die 360 Grad Videowand vermittelte ihr das Flair der großen Welt. Pjotr schien hier gut bekannt zu sein. Keiner der Türsteher fragte Melanie nach ihrem Alter; der Eintritt war erst ab dem 18. Lebensjahr gestattet, man winkte sie nur einfach hinein.

Ja, dachte Melanie, das ist die Welt, wo ich hingehöre. Nicht in den muffigen Gemeindebau und zu dem Monster, das sie kommandierte und ihren Tagesablauf regelte. Pjotr kam mit zwei Cocktails zu ihr.

„Caipirinha,“ wie er augenzwinkernd erklärte. Melanie hatte zwar keine Ahnung, was das für ein Gesöff war, aber sie trank. Der Cocktail schmeckte ausgezeichnet. Nach dem zweiten Glas fühlte sie eine leichte Benommenheit. „Die mixen da starke Getränke“, meinte Pjotr nur und umfasste sie liebevoll um die Hüften. Dann spürte sie auf einmal nichts mehr.

Melanie erwachte nach einigen Stunden in einer ihr völlig fremden Umgebung. Sie hatte einen stark pelzigen Geschmack im Mund und lag splitternackt in einer Art Krankenzimmer. Auch das Bett indem sie sich befand, entsprach dem in einem Spital. Leise surrte die Klimaanlage und aus einem Lautsprecher klang leise Musik. Es gab kein Fenster und die Stahltür, die nach außen führte, hatte keine Schnalle. Sie war von innen nicht zu öffnen. 

Melanie wusste nicht, ob es noch Nacht oder schon Tag war. „Wo bin ich? Wie komme ich daher? Wo ist Pjotr?“ Sie konnte sich absolut nicht erinnern, was nach dem zweiten Cocktail mit ihr los gewesen war. Sie schrie! Niemand reagierte. Sie stand auf, nackt wie sie war und rannte zur Tür. Mit den Fäusten schlug sie dagegen und schrie abermals. Lauter. Wieder reagierte niemand.

Sie musste auf die Toilette, die hinter einem Plastikvorhang versteckt war. Sie erbrach sich. Wieder und wieder. Sie kotzte solange bis nur mehr gallenfarbiger Magensaft ihren Mund verließ. Und wieder schrie sie und trommelte gegen die Tür. Und wieder und wieder. Doch niemand kümmerte sich um ihr Brüllen und Trommeln.

Melanie bekam Angst! Wer hatte was mit ihr vor? Sie begann zu weinen und sehnte sie sich auf einmal nach ihrer Mutter! Das Monster war aber nicht da!

Die Wiener Prominenz, auch die, die sich dafür hielt, hatte sich zur festlichen Eröffnung der äußerst exklusiven Klinik für ästhetische und plastische Chirurgie eingefunden.

Die Fernsehmacher einiger Sender und eine Riege Journalisten bemühten sich hektisch, die besten Bilder und Interviews ihren Sehern und Lesern bieten zu können.

Um mehr als vier Millionen Euro hatte ein russisches Konsortium die Villa des verstorbenen Entertainers samt dazugehörigem Grundstück im weltbekannten Weinort Grinzing erworben. Dazu hatte das Konsortium noch einmal einige Millionen investiert, um den höchsten und diskreten Ansprüchen kommender Kunden, sprich Patienten, gerecht zu werden.

Unter der Leitung des renommierten russischen Schönheitschirurgen Professor Fjodor Graminow würde es ehebaldigst seine Arbeit aufnehmen. Anmeldungen aus aller Welt, so erklärte Graminow, lägen bereits vor.

Nach der obligaten Ansprache des Bürgermeisters - ungewohnterweise nüchtern, ein Zustand, den seine Mitarbeiter selten erlebten - stellte Graminow sein Team vor. Es waren fast ausnahmslos lauter Russen, bis auf einen Chirurgen aus Syrien, der mit seiner Familie als Flüchtling im Lager Traiskirchen gestrandet war. Mit dem Syrer, so drückte es Graminow aus, würde auch die Verbundenheit des russischen Volkes mit dem Bürgerkriegsland bewiesen.

Graminow, ein schlanker älterer Herr mit grauem gewelltem Haar und einem ebenmäßigen Gesicht präsentierte seinen Gästen erstmal drei junge und äußerst attraktive Mädchen, die für den Empfang und die Terminvergabe zuständig sein würden. Chefarzt war, neben Graminow, ein spindeldürrer mittelalterlicher Arzt, den er als Dr. Suslow vorstellte.

Dazu kamen noch ein Anästhesist, zwei weitere jüngere Ärzte, acht Krankenschwestern, ein Viersternekoch und zwei Küchengehilfinnen. Für seine Kunden, so Graminow, würde also bestens gesorgt werden. Auch an eigenes Security Team hatte man gedacht.

Sechs düster aussehende, breitschultrige Herren, mit denen man sich besser nicht anlegen sollte, würden die Zufahrt zur Klinik Tag und Nacht im Schichtdienst bewachen. Die Sicherheitsleute waren ehemalige Angehörige einer russischen Spezialeinheit, wie Graminow betonte.

Danach lud Professor Graminow ein, die Klinik zu besichtigen. Die Umbauarbeiten der Villa hatte ein halbes Jahr in Anspruch genommen. Die Bauarbeiten, Aufstockung und Zubauten, waren nach Plänen eines russischen Architekten teilweise von dem mediageilen Wiener Baumeister ausgeführt worden und auch durch ein eigens eingeflogenes Team russischer Bauarbeiter, die nach Fertigstellung ebenso rasch und unauffällig verschwanden, wie sie aufgetaucht waren.

Graminow präsentierte neben dem ausgesprochen edel ausgestatten Empfang – alles aus Teak -  drei Operationssäle, ausgestattet mit der neuesten Technik, zwei Räume für nötige Erstkonsultationen und sechs Räume, die seinen Kunden nach der erfolgreichen Verschönerung zur Regeneration und Nachbehandlung - wenn erforderlich – zur Verfügung stehen würden.

Jedes dieser Zimmer war mit Klimaanlage, Internet Zugang sowie TV- und Radiogerät ausgestattet. Die jeweils integrierten Nassräume verfügten über einen Whirlpool, ein Bidet und sonst auch alles, was man sich unter einem Nobelbad vorstellen kann. 

Die Mahlzeiten konnten, je nach Wunsch, im gemeinsamen Speisesaal oder auch separat in den Zimmern eingenommen werden.

Am Dach hatte man sogar einen Landeplatz für einen Hubschrauber vorgesehen. So konnten diejenigen, die überhaupt nicht gesehen werden wollten, vom Airport direkt in die Klinik geflogen werden.

Ein Pool im Garten stand den Kunden ebenso zur Verfügung, wie ein danebenliegender Fitnessraum. Überflüssig zu erwähnen, dass Alles in Topqualität war und von keiner Seite aus eingesehen werden konnte.

Die Gäste zeigten sich sehr beeindruckt von dem, was ihnen da präsentiert wurde. Dann bat Graminow zum exklusiven russischen Büffet mit feinstem russischen Kaviar, bestem Wodka und anderen Spezialitäten aus dem Riesenreich. Der Bürgermeister hielt sich lieber an seinen geliebten Rotwein und der Bezirksvorsteher freute sich auf zusätzliche Einnahmen für sein Budget.

Der Weinort Grinzing ist ein Teil des 19. Wiener Gemeindebezirkes und wahrlich weltberühmt. Die aus allen Gegenden der Welt angekommen Wienbesucher hatten einen Besuch beim „Heurigen“ immer als fixen Programmpunkt eingeplant. Denen war es egal, dass ein Großteil des „Grinzinger Eigenbauweines“ gar nicht aus Grinzing stammte. Soviel Weinberge konnte man gar nicht haben, als in Grinzing Wein ausgeschenkt wurde.

Abschließend führten die drei Empfangsdamen noch sehr gekonnt einen Trepak auf, der viel beklatscht wurde. Dann neigte sich die Eröffnungsparty ihrem Ende zu. Die Medienpräsenz würde noch einige Tage anhalten und der „Zvezda Klinika„ noch genügend Aufmerksamkeit bescheren.

Professor Graminow hatte wohlweislich nicht alles gezeigt, was seine Klinik zu bieten hatte. Im ausgebauten Keller, der Zugang dazu führte nur über sein Büro, befanden sich noch andere Operationsräume und Patientenzimmer. Bei weitem nicht so exklusiv ausgestattet wie im Parterre und im ersten Stock.

Diese Räume waren bestimmten, vorher genau selektierten, Patienten vorbehalten.

Graminow war froh, dass der offizielle Teil vorbei war. Er ging in sein Büro, wählte über die abhörsichere Leitung eine Nummer in Wladiwostok und erstattete eine Art Vollzugsmeldung.

Geräuschlos öffnete sich die schnallenlose Tür zu Melanies Zimmer. Zwei gutgekleidete, breitschultrige Herren standen im Eingang. Beide mit Sonnenbrillen. Einer hielt ein Tablett in der Hand, auf dem sich anscheinend Essen für sie befand. Es duftete verführerisch. Der andere hingegen hielt eine Pistole auf sie gerichtet und bedeutete ihr, liegenzubleiben. Ja nicht aufstehen oder gar zur Tür zu rennen. Die Botschaft war unmissverständlich.

Unverschämt und sehr auffällig musterten die beiden Typen das nackte Mädchen.

„Die werden mich doch nicht…,“ fürchtete Melanie.

Nein! Taten sie nicht! Sie taten ihr überhaupt nichts. Sie stellten ihr bloß das Essen aufs Nachtkästchen, dann verschwanden sie wieder. Stumm und ohne jede Reaktion. Melanie hörte, wie die Türe ins Schloss fiel. Dann war sie wieder allein.

Der Hunger siegte über die Angst. Sie machte sich also über das Essen her. Was sollte sie bloß hier und wo war sie überhaupt? Drohte ihr ein ähnliches Schicksal wie der Natascha Kampusch oder gar wie der Tochter des Monsters aus Wels?

Sie begann wieder zu heulen und schrie sich die Seele aus dem Leib. Dann öffnete sich die Tür wieder. Die beiden schweigsamen Typen waren wieder da. Diesmal ohne Pistole. Dafür wurde sie an Armen und Beinen am Bett fixiert und danach aus dem Raum herausgeschoben.

Man brachte sie in eine Art Operationssaal, wie es ihr schien. Ein unsympathisch wirkender Mann in einem Arztkittel erwartete sie da. Sie legten sie auf einen Operationstisch. Der Unsympathler verabreichte ihr eine Spritze. Ihr Geist flüchtete in neue und unbekannte Dimensionen.

„Pjotr“, war ihr letzter Gedanke.

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