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Fast hätte er die Stadt nicht wiedererkannt, wären da nicht einige Straßenschilder herumgelegen, an die er sich noch erinnerte.

Zerbombte Häuser ohne Dächer, Fenster oder Türen. Berge von Schutt auf den Straßen, daneben auch ganz gebliebene Ziegel. Reste von Tischen, Schränken, Betten warteten darauf u Heizmaterial zu werden; es gab kein Gas und keinen Strom. Nur die Wasserleitungen funktionierten, meistens! Unbrauchbare Gewehre, Geschütze, Stahlhelme, Koppeln sowie anderes Zeug der besiegten Naziarmee lagen überall herum. Dazu noch einige ausgebrannte Panzer, in denen die Besatzung vermutlich den Heldentod für den Irren aus Braunau erlitten hatte. Bunt gemischt lagen die Leichen russischer und deutscher Soldaten herum und rochen unangenehm. Dazu unbrauchbare Reste von Geschützen aller Kaliber. Alles zeugte von dem sinnlosen Endkampf in der Hauptstadt der ehemaligen Ostmark; im nunmehr befreiten Österreich. Allerdings sah es in den meisten Städten und Landstrichen des einstigen 1000-jährigen Reiches auch nicht viel anders aus. Manche empfanden den Sieg der Alliierten gar nicht als Befreiung, sondern haderten mit dem Schicksal, das ihnen den Führer und die Herrlichkeit des arischen Übermenschentums genommen hatte. Es waren gar nicht so wenige!

Am 5. Mai 1945 hatten die Amerikaner das Konzentrationslager Mauthausen und das dazugehörende Lager Gusen erreicht. Das brachte für mehr als 20.000 Häftlinge die Befreiung. Aber an die 2.000 Häftlinge waren zu diesem Zeitpunkt durch Krankheiten und Unterernährung bereits so geschwächt, dass sie noch nach dem 5. Mai im US-Militärlazarett oder umliegenden Spitälern verstarben. Späte Opfer des nationalsozialistischen Wahns.

Saul Goldbusch, kurioserweise für einen Juden echt blondhaarig, zählte 23 Jahre und hatte drei lange Jahre im Nebenlager von Mauthausen, Gusen, durchgestanden. Er war weniger geschwächt als viele seiner Leidensgenossen.Vor allem deswegen, weil sich ein höherer SS Offizier, der schwule Sturmbannführer Viktor Drescher, in ihn verliebt hatte; wegen seiner arisch-blonden Haare, wie er immer wieder betonte. Saul war für Drescher der Ausnahmejude gewesen.

„So, wie du aussiehst könnte man dich glatt für einen echten Arier halten. Einer von uns könntest Du sein. Wäre da nicht dein blöder Judenname!“

In der Tat: Saul unterschied sich äußerlich nicht von einem der jungen SS-Männer. Mit 182 Zentimeter Körpergröße, den breiten Schultern und seinen blonden Haaren entsprach er exakt dem arischen Ideal. Wäre da nicht die Beschneidung und die Herkunft gewesen...!

Saul aber wollte nie ein Arier sein oder werden!

Widerwillig und mit Ekel hatte Saul anfangs die Zärtlichkeiten des Sturmbannführers ertragen. Nach einiger Zeit allerdings fand er Gefallen daran. Wie sehr er sich auch deswegen verdammte. Ob er jemals mit einer Frau würde zusammen sein können? Er wusste es nicht. Mit Frauen hatte  er noch keinerlei Erfahrungen.

Knapp nach seinem 19. Geburtstag hatten sie ihn abgeholt. Um vier Uhr morgens. Nicht nur ihn. Seine ganze Familie. Den Vater, einen hochangesehenen Arzt, die Mutter und seine kleine Schwester. Über Drescher hatte er erfahren, dass seine Familie nach Auschwitz deportiert worden war.

„Fast keine Chance dort für jüdisches Gesindel!“, hatte Drescher bloß gemeint. „Am besten, du vergisst sie! Nach unserem Sieg werden wir Zwei noch wunderschöne Jahre mitsammen verbringen. Frau dich darauf! Du wirst dann ein Heinrich werden. Saul ist ein jüdischer Scheißname! Küss mich!“

Darauf sich freuen? Nein, das konnte Saul sich nun wirklich nicht. Seine Familie vergessen? Das schon gar nicht! Am liebsten hätte er Drescher für seine Äußerung umgebracht. Das aber konnte er nicht. Durfte er gar nicht, wenn er weiterleben wollte.

Dankbar musste er gegenüber Drescher sein, dass er keinen Hunger leiden musste und auch dafür, dass ihm die Tätigkeit in der geheimen unterirdischen Waffenfabrik des SS Generals Hans Kammler erspart blieb. Kammler war der Leiter von den Bau- und Rüstungsprojekten im Deutschen Reich. Er war verantwortlich für alle KZ-Bauten, einschließlich der Gaskammern und Krematorien.

In Gusen produzierten die Nazis unterirdisch noch bis Anfang 1945 ihre Wunderwaffen, die ihnen letztendlich aber auch nicht halfen.

Hin und wieder ist der Lauf des Lebens halt gerecht!

„Bergkristall“ hatte Hitlers mächtiger Geheimwaffenchef sein unterirdisches Stollensystem genannt, in dem er zum Endsieg beitragen wollte. Als die Amerikaner immer näher kamen und der Endsieg immer unwahrscheinlicher wurde,  ließ Kammler Bergkristall sprengen und vermauern. Samt den darin eingeschlossenen Zwangsarbeitern. Anschließend  beging er angeblich Selbstmord und wurde von einem deutschen Gericht1948 für tot  erklärt.  

Doch neueste Quellenfunde widerlegen die amtliche Version. Ein auf den 30. Mai 1945 datiertes Dokument des Geheimdienstes der US-Luftwaffe listet eine Reihe hochrangiger deutscher Kriegsgefangener auf, die zum Verhör zur Verfügung stehen: neben Albert Speer und Hermann Göring auch Hans Kammler – drei Wochen nach dessen angeblichem Tod. Im November 1945 ordnete der Geheimdienstchef der US-Luftstreitkräfte in Europa an, Kammler aufgrund seines Wissens über die wichtigsten bombensicheren unterirdischen Rüstungsanlagen zu vernehmen, da Erkenntnisse darüber für künftige mit Raketen und Atombomben geführten Kriege von Bedeutung sein könnten. Weitere Dokumente belegen die weitreichenden Zuständigkeiten des SS-Generals bei den Geheimprojekten: Raketen, Atomenergie und Düsenflugzeuge. Zudem kontrollierte er ein Netz wichtiger Rüstungsstandorte unter Tage und Forschungseinrichtungen. Hans Kammler war nicht nur für neueste Waffensysteme zuständig. Der SS-General und promovierte Architekt hatte auch maßgeblichen Einfluss auf die Errichtung von Konzentrationslagern und den systematischen Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen, der Zehntausende Opfer forderte. Er war ein Technokrat des Todes und wurde als Kriegsverbrecher bei den Nürnberger Prozessen offenbar nur deshalb nicht zur Verantwortung gezogen, weil er den USA als Wissensträger diente.

Einige andere SS-Männer aber begingen wirklich Selbstmord. Der schwule (wertfrei gemeint) Viktor Drescher wurde von einigen Häftlingen erschlagen. Saul war dabei, brachte es aber nicht fertig, sich am Tod Dreschers zu beteiligen.

Als Drescher ihn sah, streckte er ihm die Hand entgegen und begann zu weinen. „Mein Liebster“, stöhnte er noch. Saul empfand kein Mitgefühl für ihn! Dreschers Tränen rührten ihn nicht. Etwas, das ihn eigentlich selbst verwunderte.

Er trug noch immer die jetzt schon zerschlissene und dreckige, Zebramontur genannte, Montur der Häftlinge. Dazu Stiefel der Wehrmacht. Er hatte sie irgendeinem der gefallenen Soldaten ausgezogen, die zu Dutzenden herumlagen und Insekten und andere Viecher erfreuten.

In den Gesichtern der wenigen Passanten, die ihm begegneten erkannte er Furcht, verschämtes Wegsehen, Ekel, manchmal Hass und wenig Mitleid.

Fast sicher war er sich, während er über die Taborstraße schlurfte, dass er der einzige Überlebende seiner Familie war. Nun, warum war er nach Wien zurückgekehrt? Keine Sekunde länger als nötig wollte er in Wien bleiben. Er wollte nie wieder in seinem Leben ein deutsches Wort hören und auch keinen dieser fischäugigen stumpfen Menschen mehr sehen. Nach Palästina wollte er. Sich der Untergrundorganisation Hagana anschließen und für einen freien Staat Israel kämpfen. Viele im Lager hatten davon geträumt. Wenigen sollte es gegönnt werden.

Er hoffte, dass der Vater in der ehemaligen elterlichen Wohnung in der Tandelmarktgasse einiges an Vermögenswerten hinterlassen hatte:  Bilder, Schmuck und auch etwas Bargeld in einem Geheimfach seines Schreibtisches. Ob noch etwas davon da war? Saul brauchte Geld um die geplante Reise nach Palästina zu bezahlen. Aber vielleicht war das ganze Haus auch zum Opfer der Bombardierung geworden?

Seine Schritte wurden schneller, je näher er der Tandelmarktgasse kam. Der Fußmarsch machte ihm nichts aus. Er hatte die etwa 165 Kilometer von Gusen nach Wien meist per  Pedes zurückgelegt, in Bombentrichtern am Straßenrand genächtigt und sich durchgebettelt. Einige Menschen waren freundlich zu ihm, gaben ihm Brot oder einen Teller Suppe. Signale von schlechtem Gewissen?

Einen Vormittag fand er Platz auf einem US-LKW.  Die Amerikaner erwiesen sich mehrheitlich kumpelhaft und teilten mit ihm ihre Rationen. Nun ja, sie hatten genug dabei; etwa Zigaretten, Energieriegel und auch Schokolade. Notfallrationen.

Nach langer Zeit genoss Saul wieder Schokolade und wunderte sich über die ihm bislang unbekannten Riegel. Alles mundete ihm vorzüglich.

Ein GI der deutsch sprach, fragte ihn: „Wie konnte Gott so etwas zulassen?“

„Gott?“, erwiderte Saul. „Der war nie da. Er ist nie da, wenn man ihn benötigt. Mir kann er gestohlen bleiben. Egal, wie er sich nennt! So viele haben ihn angefleht: Juden und Christen. Sie haben täglich gebetet, Gott angefleht. Wofür?“ Sein Gesicht rötete sich. Am meisten hatte man das Kaddisch gebetet, das Gebet für die Verstorbenen mosaischen Glaubens.

Saul Goldbusch war nie ein strenggläubiger Jude gewesen. Auch nicht seine Familie. Überzeugt aber waren sie alle, dass es eine überirdische Instanz gäbe. Der Vater sagte immer wieder, es wäre völlig egal, wen man als seinen persönlichen Gott ansähe. Er verlachte die Traditionellen, die am Freitag nicht einmal einen Lichtschalter betätigten und ähnlichen Unsinn mehr lebten.

 Den letzten bescheidenen Rest seiner schwachen Religiosität hatte Saul in Gusen verloren. Wer konnte angesichts der unfassbaren Grausamkeiten noch an irgendein höheres Wesen glauben? Er jedenfalls nicht! So konnte er auch besser die, anfänglich für ihn, widerwärtigen Praktiken Dreschers ertragen. Obwohl im Talmud Homosexualität als ein schwerer Verstoß gegen die menschliche Natur bezeichnet wird.

Saul aber kümmerte das und der gesamte Talmud nicht mehr. Er hatte nur eines wollen: überleben! Und das war ihm letztendlich auch gelungen; ohne göttlichen Beistand!...

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